«Grau» envolle Städte

Daniel Hauri von skygardens im Gespräch mit Stefan Cadosch, Präsident SIA, zum Thema Gebäudebegrünung in der Architektur

Dani Hauri:

Stefan, durch den Klimawandel werden die Hitzeperioden häufiger, länger und heisser besonders in den Städten. Zudem werden diese immer dichter bebaut. Wie wollen wir darauf reagieren?

Stefan Cadosch:

Bauen in der Hitze ist nichts Neues. Der Umgang mit Bauen in heissen Zonen wie zum Beispiel in Andalusien, Nordafrika oder arabischen Ländern hat Tradition und ist Normalität. In der Schweiz sind wir noch nicht gewappnet dafür. Grundsätzlich sind unsere Städte mit Asphalt, Naturstein und Beton zu stark versiegelt und das trägt zur sommerlichen Hitze bei. Auch sind in der Schweiz bei weitem nicht alle Gebäude tauglich für einen sommerlichen Wärmeschutz. Gerade letztes Jahr hat man festgestellt, dass die Stadt Zürich, 4 Grad heisser war, als der Rest des Kantons.Das lässt sich städtebaulich unter anderem mit Luftkorridoren verändern, damit der Wind kühlen kann und keine Hitzeinseln entstehen. Dann Grün. So viel Grün wie möglich. Mit dem Flachdach, das lange einen schlechten Ruf hatte, aber heute technisch bestens funktioniert. Heute ist es schon bald normal, dass Flachdächer oder auch Steildächer begrünt werden.

Fassadenbegrünung und Dachbegrünung ist in aller Munde und das soll und muss uns (SIA) interessieren und beschäftigen. Die fünf Gebäudeflächen werden heute viel zu wenig genutzt. Fassaden bieten viel mehr als nur Witterungsschutz. Möglichkeiten sind die Kühlung durch passive Belüftungssysteme, Solarpanels oder als Königsetappe die Fassadenbegrünung.

Dani Hauri:

Lassen sich daraus generell Planungsgrundsätze, städtebauliche Leitsätze und Massnahmen ableiten? Kann das zukünftige Klima schon bei der Planung berücksichtigt werden?  

Stefan Cadosch:

Man kann das Klima nicht verändern, aber man kann baulich sehr viel zu einem positiven Effekt beitragen. Im Allgemeinen sind die Städte gebaut und können nur im Kleinen verändert werden. Lernen können wir sehr viel vom arabischen Raum. Da wäre die grüne Stadt Mastar im Emirat Abu Dhabi, welche nach ökologischen städtebaulichen Prinzipien gebaut wurde. Dort nutzt man uralte Technologien wie zum Beispiel Kühltürme, welche durch den natürlichen Luftzug kühlen oder Gebäude die eng genug stehen, damit Schatten entsteht. Es werden aber auch neuste Technologien wie konsequente e-Mobilität realisiert.

Heute wird auch in der Schweiz dem Klimaschutz mehr Rechnung getragen. Es gibt viele architektonische Elemente, die positiv dazu beitragen können. Verwendung von atmungsaktiven Materialien wie zum Beispiel Lehm und weniger Glas. Ein weiteres Beispiel sind Lüftungskonzepte mit passiver Lüftung, die keine Energie verbrauchen. Es werden aber auch Höfe begrünt, die als kleine Minioasen in der Stadt wirken.

Klimaanlagen sollen nur in begründeten Fällen eingesetzt werden. Und hier kommt die Fassadenbegrünung als klassische passive Kühlanlage ins Spiel. Sie ist ein wirkungsvolles Element zur energieeffizienten Verbesserung des Klimas. Wir müssen uns stark damit beschäftigen, wie Gebäude und Städte mit passiven Mitteln gekühlt werden können.

Dani Hauri:

Wie verhält sich der SIA dazu? Soll es z.B. für die Fassaden- und Dachbegrünung eine Normierung geben?

Stefan Cadosch:

Der SIA ist bei der Energie- als auch in der Kreislaufdebatte führend und brachte sich sehr früh aktiv ein, als das Thema noch nicht in aller Munde war. Vor 25 Jahren riefen wir die Klimakommission ins Leben.     

2011 hat der SIA das Positionspapier «Energie» und den «Energieeffizienzpfad» lanciert. Dieser ist auch international auf grosse Beachtung gestossen. Im Gegensatz zu Energielabels werden nicht die Massnahmen aufgelistet, sondern es wurden Ziele definiert und Möglichkeiten aufgezeigt, wie diese Ziele erreicht werden können. Der Effizienzpfad wurde auch immer wieder angepasst, um die neusten Erkenntnisse einfliessen zu lassen. Vor einem halben Jahr wurde ein neues Klimapapier verabschiedet. Es wurden sechs Thesen zu den Themen Klimaschutz, Klimaanpassung und Energie postuliert. Der SIA möchte alle rasch umsetzen. Konkret geht es um Netto Null, Kreislaufwirtschaft ausbauen, wie geht man mit Energie um, wie steigert man Effizienz und wie kann man Transformation mitgestalten, um das zukünftige Klima in der Planung einzubeziehen. Um dies umzusetzen veranstaltet der SIA Tagungen, Symposien und Schulungen für Mitglieder und publiziert neuste Erkenntnisse.

Das zukünftige Klima wird schon bei der Planung berücksichtigt. Darin enthalten ist auch die Gebäudebegrünung als sinnvolle Massnahme. In diesen Themen sind wir aktiv und beraten unter anderem auch den Bundesrat und haben mit einem sehr kompetenten Team die Klimastrategie des Bundes mitgestaltet. 

Selbstverständlich werden auch die Normen laufend überprüft und angepasst sofern notwendig. Sofern Anbieter ihre Systeme so weit entwickelt haben, dass sie perfekt funktionieren und das System klar geregelt ist, braucht es gar nicht unbedingt eine eigene SIA Norm dazu. Die Zukunft wird es zeigen.

Dani Hauri:

Wie kommt das Thema in der Basis bei den Architekten und Ingenieuren an?

Stefan Cadosch:

Das hat sich, seit ich angefangen habe, stark verändert. Anfangs wurden wir als Ökofundamentalisten belächelt. Der erfreuliche Wandel kommt von unten, von der jüngeren Generation. Heute kommt der Druck von unten, von der Basis. Bereits gibt es mindestens vier Vereinigungen junger Architekten, welche sich diesem Thema annehmen. Eine der spannendsten finde ich @«Countdown 2030», welche allen am Bau Beteiligten die Auswirkungen ihres Handelns auf den Klimawandel bewusst machen und sich als Architekten für den Klimaschutz einsetzen. Du siehst, an der Basis passiert sehr viel und der Druck ist riesig. Getragen wird der Gedanke aber auch von der Industrie und der Wirtschaft.    

Dani Hauri:

Grundsätzlich ist also der Wille von Seiten SIA da, Gebäudebegrünung zu fördern und damit Klima, Biodiversität und Wohlbefinden generell zu fördern. Wie kann die Gebäudebegrünung heute z. B. unkompliziert realisiert werden?

Stefan Cadosch:

Es gibt heute noch viele Vorurteile gegenüber Gebäudebegrünung. Da ist einmal die unbegründete Angst vor krabbelnden Insekten am Gebäude. Ein weiteres Gerücht, das sich hartnäckig hält, ist die Angst, dass Fassadenbegrünung nicht funktioniert. Insbesondere weil es vor 25 Jahren in den Anfängen der Fassadenbegrünung einige pannenanfällige Objekte gab. Mir ist aber bewusst, dass das heute nicht mehr so ist. 

Das dritte Hemmnis sind die vermeintlich hohen Kosten. Das sind vor allem die Objekte Kaisha Forum oder Paris, die vor Jahren Unmengen Geld verschlungen haben. Deshalb hält sich das Gerücht in den meisten Architektenköpfen. Seither haben die Hersteller bewiesen, dass es funktioniert und gar nicht mal so teuer ist. Wenn die Hersteller nachweisen können, dass es funktioniert, wird sich die Fassadenbegrünung durchsetzen. Je mehr vertikales Grün wir haben werden, je weiter kommen auch die Preise runter.  

Dani Hauri:

Wird sich Gebäudebegrünung in der Breite durchsetzen?

Stefan Cadosch:

Ich glaube, es wird zu einem selbstverständlichen Thema. Auf dem Dach ist es bereit real. Urban Gardening ist eines der Schlagworte. Begrünung in der Vertikalen ist etwas Neues, das man sich so ziemlich schwer vorstellen kann. Das Thema muss in die Köpfe rein und muss sich in der Breite bewähren. Gute Beispiele müssen zeigen, dass es machbar und bezahlbar ist. Genau dann wird es zu einer Standardaufgabe des Architekten. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es bald Vorschriften geben wird, dass Fassaden begrünt werden müssen. So wie zum Teil auch Photovoltaik vorgeschrieben wird.

Was die Begrünung grossartig macht, ist die ganze Verdunstungsenergie – Ein fast unbezahlbarer Effekt.

Aber Vertikalbegrünung ist im Moment auch ein Boom und das ruft Scharlatane aufs Tapet, die Pfusch anbieten und verkaufen. Umso mehr werden sich seriöse Anbieter gegenüber Haudegen abgrenzen müssen und können, damit das Thema nicht in Verruf gerät.

Dani Hauri:

Ist das Thema Gebäudebegrünung in der Architektur Ausbildung bereits eingeflossen?

Stefan Cadosch:

Ich behaupte, Lehrpläne hinken immer etwas hinterher. Das Umdenken ist auch an der ETH und den Fachhochschulen da, denn der Druck der jungen Studenten wächst. Die Lust neue Felder zu betreten ist da. Zudem kann die Industrie da stark mithelfen, solche Themen zu fördern. Ich behaupte, dass die Türen der ETH für solch innovative Themen und Firmen offenstehen.

Dani Hauri:

Die Vertikal- und Dachbegrünung als architektonisches Element. Wie gehen die heutigen Architekten damit um? Welche neuen Chancen eröffnen sich ihnen?

Stefan Cadosch:

Jeder gut gestaltende Architekt arbeitet gerne experimentell. Von attraktiven begrünten Objekten von grossen Architekten lassen sich viele Büros inspirieren. Die heutigen Architekten haben aber das nötige Rüstzeug, um gestalterisch professionell mit Gebäudebegrünung umzugehen. Gleichzeitig regt das Thema zum Weiterdenken und Weiterentwickeln an. Gestaltung mit Pflanzen und Farben oder Ornamentik mit Pflanzen.

Dani Hauri:

Stefan, was ist Dein persönliches Anliegen als Architekt und in der Stadt arbeitender Mensch zum Thema Begrünung in der Architektur?

Stefan Cadosch:

Wir selbst sind Leidtragende der Klimaveränderung. Letztes Jahr haben wir bei 30° im Büro gearbeitet. Deshalb habe ich mich mit dem Vermieter über das Thema Fassadenbegrünung unterhalten. Er wäre offen gewesen dafür, hat aber leider das Gebäude vor 2 Jahren konventionelle saniert.

Ich als Architekt bin heute so weit, dass ich in den nächsten 2 – 3 Jahren selbst ein solches Objekt realisieren möchte. Z.B. einmal bei einem Industriebau, wo grosse Flächen begrünt werden können. Wir sitzen mit der Klimaerwärmung alle im gleichen Boot und sollten als Architekten unseren Teil zu einem angenehmeren Klima beitragen. Ein Element ist die Fassadenbegrünung. Ich persönlich bin der Überzeugung, dass Anbieter von Gebäudebegrünungssystemen vor goldenen Zeiten stehen, denn Nachhaltigkeit generell wird zu einem wirtschaftlichen Thema. 

Dani Hauri:

Herzlichen Dank Stefan für das inspirierende Gespräch. Deine Aussagen machen Mut, dass sich das Klima in Städten durch Gebäudebegrünung verbessern wird. Es gilt wohl die Aussage: «Klein starten, aber von Beginn an gross denken». Im Gespräch: Stefan Cadosch, Präsidet SIA / Dani Hauri, Beratung & Kommunikation skygardens

16.04.2021

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